Eine Schule ist mehr als eine Schule – die Schule in Braunwald

Die Wochenzeitung Glarner Woche hat am 31.10.2012 (rechtzeitig auf die Informationsveranstaltung vom Mittwoch, 7.11.2012, 20:00, in Schwanden hin) folgenden LESERBRIEF veröffentlicht, der die Situation prägnant analysiert:

Eine Schule ist mehr als eine Schule –die Schule in Braunwald

Schliessung: Der Gemeinderat Glarus Süd beabsichtigt, auf der Grundlage der Studie «Zukunft Schulen Glarus» einige Dorfschulen aufzuheben und deren Schülerinnen und Schüler Schulzentren zuzuweisen. Braunwald würde seine Schule verlieren.

Lebensnerv:  Eine Dorfschule leistet mehr als «Beschulung» der Heranwachsenden. Wo eine Schule in Betrieb ist, gehören Kinder zum Strassenbild, begegnen Kinder Erwachsenen ohne formellen Anlass. Die Kinder besuchen «ihr» Schulhaus. Lehrende haben in kleinen Gemeinden eine tragende Funktion im kulturellen und sozialen Leben, über Musik, Theater und Sport. Die Dorfschule ist ein Kristallisationspunkt der Bevölkerung, neben Geschäften, der Kirche und Vereinen.

Veränderung: Wer eine Schule schliesst, verändert das Leben des Dorfes. Wer die Änderung vornimmt, ohne diesen Zusammenhang explizit zu berücksichtigen, handelt kurzsichtig. Wo eine Schule geschlossen wird, geht mehr als die Schule verloren. Die Folgen sind schwer voraussehbar. Doch entbindet diese Schwierigkeit nicht von der Verpflichtung, die zu erwartenden «nicht-schulischen» Folgen darzustellen.

Kontext: Die Dokumentation der Gemeinde und die Studie «Zukunft Schulen Glarus Süd» sagen nichts zu den sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen der Schule. Die geplante Schliessung ist offensichtlich

– pädagogisch nicht durchdacht; die Unterlagen enthalten keine Erwägungen über den Unterricht und über das Lernen fern des Wohnortes;
– raumplanerisch widersprüchlich; das Projekt steht im Widerspruch zu Bemühungen von Privaten und der öffentlichen Hand, Braunwald lebensfähig zu halten;
– kaum effizient; das Projekt hat ein Sparziel, aber kein Effizienzziel. Wenn die Wirkung der Massnahme generell dazu beitragen soll, die Schulsituation im Kanton und die Lebensqualität zu verbessern, werden über den Erfolg in dieser Hinsicht keine Aussagen gemacht werden können.

Abwanderung: Die Schule zu schliessen heisst, die Abwanderung ins Mittelland zu verstärken und die – diesmal nicht geologische – Abwärtsbewegung des Dorfes zu forcieren. Der Brand des Hotels «Alpenblick», die Schliessung eines Lebensmittelladens, die Gefahr des Verlustes der Bäckerei – das sind Anzeichen für eine substanzielle Gefährdung des Dorfes. Der Verlust der Schule verstärkt den Abwärtstrend.

Reaktiv: Die Grundlagendokumente vermeiden es, Alternativen zu Abbau und Sparen in Betracht zu ziehen und Investitionen in  einen Stopp dieser Abwärtsspirale zu erwägen, obwohl die Notwendigkeit, «proaktiv» zu handeln, in aller Munde ist. Jeder weiss, dass eine Wendung zum Besseren Geld und Geist erfordert.

Pädagogik: Die Studie argumentiert ausschliesslich mit Schülerzahlen, Transport volumen, Kosten von Liegenschaften und Personalkosten usw., doch fehlt jede Auseinandersetzung mit pädagogischen Fragen. Damit wird der Zweck der Schule ausgeklammert.

Kostenberechnung: Ist es zulässig, darauf zu verzichten, soziale/kulturelle Folgekosten  einer Schulschliessung approximativ zu berechnen, nur weil es schwierig ist? Derartige Fragestellungen werden mit einer Nebenbemerkung, dass in Braunwald eventuell politische Rücksichten zur Anwendung kommen könnten, marginalisiert.

Varianten: Die Studie nennt keine «neutralen» nachprüfbaren Kriterien zur Auswahl unter den Varianten. Es fehlen Kriterien, die auch negative Auswirkungen einer Variante beobachtbar  machen. Den Status quo als  eine valable Alternative unter den Szenarien von vornherein auszuklammern, ist unzu lässig.

Grundsätzlich: Die eine Hand weiss nicht, was die andere tut. Während z. B. der Bund der Entwässerungskorporation Mittel zur Verfügung stellt, um Sondierungsbohrungen durchzuführen, welche langfristig zur physischen Festigung von Braunwald beitragen sollten – das ist ein Generationenprojekt – und während Private investieren, um Braunwald attraktiv zu halten, steuert die Behörde in die Gegenbewegung –zum Abbruch.

Bernhard Wiebel, Braunwald und Zürich